1884 – Gründung der Eucharistischen Ehrengarde

 

In manchen Zeitungsartikeln und auch in Festschriften findet man zur Gründung der Eucharistischen Ehrengarden die Behauptung, im Kulturkampf habe es Angriffe auf das Allerheiligste bei Prozessionen gegeben. Von solchen Angriffen gibt es meines Wissens keinerlei Zeugnis.

 

Mehr als dreißig Jahre vor der Gründung der ersten Ehrengarde hat es allerdings in Essen anlässlich der Fronleichnamsprozession massive Unruhen gegeben aufgrund des Gerüchtes, einem Mädchen sei bei der Prozession eine Fahne gestohlen worden. Die daraus entstehenden Unruhen wurden schließlich als Landfriedensbruch gewertet. Vierzehn Unruhestifter wurden angeklagt und erhielten Haftstrafen von fünf Monaten bis zu vier Jahren. - Im Jahre 2003 wurde ein Kreuzträger der Sakramentengruppe von einem geistig verwirrten Passanten mit dem Messer angegriffen und schwer verletzt. - Doch von Angriffen auf die Monstranz ist nirgendwo die Rede.

 

Die Gründung der ersten Eucharistischen Ehrengarde an der Essener Münsterkirche im Jahre 1884 hat dennoch indirekt mit dem Kulturkampf (1870 – 1880) zu tun. In Preußen galten die Katholiken als politisch unzuverlässig. Bismarck befürchtete, dass sie eher auf den Papst jenseits der Alpen (ultramontan) als auf ihn und den preußischen König hörten. So versuchte er, den Einfluss der Katholischen Kirche durch äußerst unfreundliche Gesetzgebung einzuengen. „Brotkorbgesetz“ und „Kanzelparagraph“ seien hier nur als Beispiele genannt. Pfarrstellen und Bischofssitze waren z.T. jahrelang verwaist. Noch im Jahr 1884 war der Erzbischof von Köln in Holland im Exil. Doch Bismarck erreichte genau das Gegenteil. Die Katholiken wehrten sich erfolgreich gegen diese unterdrückenden Gesetze und gewannen dadurch ein gehöriges Selbstbewusstsein.

 

Auch die Essener Katholiken hatten an Selbstbewusstsein stark gewonnen. Eine Folge davon waren Überlegungen, wie man die Fronleichnamsprozession noch großartiger gestalten konnte. In Essen bildete sich 1882 eine Prozessionskommission, die für die Prozession eine neue Ordnung erarbeitete und den Pfarrern von St. Gertrud und St. Johann zur Genehmigung vorlegte. Dabei hatte man sich auf Prozessionsordnungen in anderen Städten der Erzdiözese gestützt. Im Protokoll dieser Kommission findet sich diese Anmerkung: ‚Auf der Prozessions-Ordnung von Krefeld sind an der Spitze der zwei Abteilungen je ein „Ehrenkorps mit Musikchor” erwähnt. Möglicherweise hat das in Essen zu Überlegungen geführt, über die das Protokoll der Sitzung vom 13. 05. 1884 sagt: „über eine zu bildende Prozessions-Ehrengarde soll in der nächsten Sitzung beraten werden. Dieselbe soll stattfinden am Dienstag, dem 20. Mai abends 6 Uhr im Lokal der Gesellschaft Erholung.”’

 

Von dieser Sitzung heißt es im Protokoll: „Nach Verlesung des Protokolls der vorigen Sitzung erläuterte zunächst Herr Fresen seine Idee über die zu bildende Prozessions-Ehrengarde. Es solle eine große Anzahl Bürger und Bauernsöhne ausgewählt werden, welche alle Soldat gewesen. Diese sollten entsprechend den 4 Segensaltären in 4 Abteilungen geteilt werden, mit der Aufgabe, an dem zugewiesenen Altar Posten zu fassen, und dann bei Ankunft des Sanktissimums daselbst für eine würdige Ruhe und Ordnung sowie den notwendigen freien Raum zu sorgen.

 

Der Vorsitzende Herr Kaplan Wolters entgegnete hierauf, dass eine solche Einrichtung wohl den Namen „Ordnungsmannschaften” verdiene aber nicht den Namen „Ehrengarde” und bezweifelte, hierfür die nötige Begeisterung finden zu können. Sein Vorschlag gehe dahin, eine Ehrengarde von ca. 20 Personen zu bilden, welche während der ganzen Prozession vor dem Sanctissimum hermarschieren und dann bei Herannahen an die Segensaltäre vorauseilen und dort für die Ordnung und passenden Raum sorgen könne.

 

Dieser verbesserte Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Zur weiteren Ausführung desselben versprachen die Herren Fresen und Stinnesbeck, mit einigen jungen Herrn in Beratung zu treten.”

 

‚Über das weitere Vorgehen bei der Gründung der Ehrengarde ist im Protokoll der Prozessions-Kommission nichts zu finden. Auf der gedruckten Prozessions-Ordnung von 1884 erscheint die Ehrengarde an beiden Seiten des Sanktissimums. Am 09. 06. 1886 wird bestimmt:

 

„Die Ehrengarde flankiert die Prozession von der Spitze der Ordensfrauen bis zur Spitze des Kirchen-Vorstandes resp. bis zum Ende der weißgekleideten Mädchen.”’

 

Wenn man diese Zeugnisse von der Gründung der Eucharistischen Ehrengarde liest, hat man den Eindruck, dass es tatsächlich nur um eine äußerliche Darstellung des katholischen Bürgertums ging. Doch wie die Geschichte zeigt, erkannten die Männer der Ehrengarde, dass es um sehr viel mehr geht, nämlich um das Höchste Gut, das die Kirche hat und das später das Konzil „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ nennt. Es konnte also gar nicht ausbleiben, dass die Gardisten sich dem Inhalt der Eucharistie näherten und um ein persönliches Verhältnis zu diesem Höchsten Gut bemühten. Wir wissen aber, dass die eucharistische Frömmigkeit in dieser Zeit noch sehr zurückhaltend war. Es war üblich, dass man entsprechend dem Kirchengebot einmal im Jahr zu den Sakramenten ging und zwar in der österlichen Zeit. Es dauerte noch etwa 20 Jahre, bis Papst Pius X hier einen grundsätzlichen Wandel einleitete. Er förderte die häufige Kommunion, und er setzte das Alter für die Erstkommunion auf 7 Jahre fest, während bis dahin die Erstkommunion im letzten Schuljahr stattfand. Die Älteren von uns erinnern sich sicher noch an die monatliche Standeskommunion, der auch die monatliche Beichte voranging. Das neue Kirchenrecht erlaubt den Empfang der hl. Kommunion in jeder hl. Messe, an der ein Christ teilnimmt, eine Entwicklung, die Pius X sicher gutheißen würde.

 

Heute ist es für die Eucharistischen Ehrengarden selbstverständlich, dass sie beide Elemente pflegen: das öffentliche Bekenntnis in Uniform, die persönliche Frömmigkeit und das gemeinschaftliche Gebet.

 

Otmar Vieth, Geistlicher Diözesanehrenoberst